HISTORY

„Balkan Berlinette“

Foto © Todor Tomov [www.rally-club.bg]
Rallye Zlatni / Bulgarien Rallye 23.-25.06.1972
Vor dem im Hintergrund liegenden schwarzen Meer bei Sliven, treiben die Gebrüder Takov Ihre Berlinette bergwärts.

In 1972 begann Alpine Renault Ihre Fahrzeuge vom Typ A110 1600S Gr.IV mit breiten Kotflügeln vom Typ „ailes plates“ auszurüsten. Zum einen boten die Radhäuser nunmehr deutlich mehr Platz für eine breitere Bereifung, zum anderen eine bessere Freigängigkeit der Räder im Radhaus. Dies brachte Vorteile vor allem bei „tiefem Geläuf“ auf den internationalen Rallyepisten.
Entsprechende Eintragungen im Archiv von „Service Course“ belegen, dass das hier vorgestellte Fahrzeug eines der ersten drei A110 1800 Gr. IV sein sollte, welches mit diesen verbreiterten Radhäusern in der Werkswagenabteilung hergestellt wurde.

Foto © Todor Tomov [www.rally-club.bg]
Startaufstellung in Albena – Nr. 7 die Gebrüder Takov

Foto © Todor Tomov [www.rally-club.bg]
„parce ferme“ in Sliven
„le bleus“ von links nach rechts: 1600S Tchoubrikov, 1800Gr.IV Takov und die A110 1800 Gr.IV von Maurice Nussbaumer sowie diverse Bulgaralpines in rot und gelb.

HISTORY

Olympia Rallye 1972
Rallye Fieber in Deutschland

Foto © McKlein
Vorstart Erbach / Odenwald
Wertungsprüfung Nr. 36 in Schlüchtern sollte das vorzeitige Aus für die Brüder Takov bringen.
Die Olympia Rallye 1972 war zum damaligen Zeitpunkt sensationell. Eine großartige Streckenführung, anspruchsvolle Sonderprüfungen und eine freundschaftliche, an manchen Streckenpunkten volksfestartige Atmosphäre kennzeichneten diese einzigartige und leider nur einmalig durchgeführte Rallye durch ganz Deutschland.

Der Bulgare Illja Tchoubrikov, seines Zeichens Lizenznehmer und Produzent der in Bulgarien gefertigten sogenannten „Bulgaralpine“ unterhielt gute Beziehungen ins Werk zu Jean Redele und war auch als Fahrer auf den Rallyepisten Osteuropas kein unbeschriebenes Blatt.
Mit seinem Freund und Wegbegleiter Yancho Takov, Sohn des damaligen Außenhandelsministers von Bulgarien Peko Takov, besuchte er 1972 die Sportabteilung von Alpine Renault, um die von ihm georderte 1600S Werksalpine in Augenschein zu nehmen. Yancho Takov zeigte bei diesem Besuch nachhaltiges Interesse an einer dort stehenden und ursprünglich für Ove Andersson präparierten Berlinette 1800 Gr. IV. Er erhielt die Möglichkeit, das Fahrzeug direkt von Jean Redele zu erwerben und so fanden diese zwei Berlinetten ihren Weg nach Bulgarien.

Foto © alpineLAB
Foto © alpineLAB

HISTORY

Polen Rallye 1974


Foto © Robert Szombati Collection

In 1974 wechselte das Kennzeichen des Fahrzeuges als auch dessen Fahrer.
Radislav Petkov war der neue Pilot dieser Berlinette, welche fortan das bulgarische Kennzeichen CK-0171 trug.

Foto © Robert Szombati Collection Das Team Radislav Petkov / Gantcho Gantchev hetzen die CK-0171 vor landschaftlich wunderschöner Kulisse über unbefestigte Schotterpisten, irgendwo im polnischen Hinterland.
Foto © András Fekete

HISTORY

Rallye Zlatni (BG) 1975
Bulagrien Rallye 1975

Foto © Nicolay Krazalev

Das Zuschauerinteresse am Rallyesport im Ostblock war überwältigend Anfang der 70er Jahre, wie diese Aufnahme eindrucksvoll bestätigt. Viele Zuschauer wollten einen Blick auf die vorbeirasenden Boliden erhaschen und drängelten sich am Rande der Strecke, oder an den angrenzenden Tribünen und Parkhäusern um die besten Plätze.

Foto © Robert Szombati Collection

Ein erneuter Eigentümerwechsel brachte 1975 Ivan Nikolov in das Cockpit der ehemaligen CK-0171, mit welchem auch ein erneuter Kennzeichenwechsel einherging. CK-0172 war zukünftig das Erkennungsmerkmal dieser Berlinette. Ivan Nikolov beteiligte sich an diversen Rallyes und Bergrennen in Bulgarien und Polen und führte das Fahrzeug 1975 zum Titel des bulgarischen Rallyemeisters.

HISTORY

Gnadenbrot

Foto © www.rally-club.bg Bereits in 1976 zeigt das Fahrzeug deutliche Kampfspuren vom harten Rallyeeinsatz und ungenügender Wartung. Jedoch, sie scheint noch fahrbereit und der damalige Besitzer Ivan Nikolov setzt sie weiterhin an lokalen Rallye`s ein. Die mangelnde Ersatzteilversorgung in Bulgarien als auch die ungenügende Wartung ist dem Fahrzeug unschwer anzusehen. Abgestellt auf dem Hinterhof neben Mülltonnen und Unrat, sind die Tage dieser Berlinette gezählt, so scheint es. Die Frage, ob sie in diesem Stadium noch fahrtauglich war, bleibt unbeantwortet. Viele Jahre blieb sie in Bulgarien verschollen, wurde malträtiert, ausgeplündert und sah einem ungewissen Schicksal entgegen.

SAR

french connection

… mit Hindernissen


Recherechen zufolge wurde im Februar 1997 diese Berlinette 1800 Gr.IV von einer uns unbekannten Person von Bulgarien nach Frankreich reimportiert. Dort wiederum wurde sie im Laufe der folgenden Jahre durch die Hände mehrerer Besitzer gereicht, ohne dass Sie einer Restauration zugeführt wurde. Auch die Historie dieser speziellen Berlinette blieb den Franzosen verborgen, weshalb sich wohl ein jeder Besitzer an den Anbauteilen dieser Alpine schadlos hielt. So kamen dem Fahrzeug unglücklicher Weise im Laufe der Zeit viele seiner Anbauteile abhanden. Wir konnten das Fahrzeug in Frankreich erwerben und versuchten die Historie des Fahrzeuges in Bulgarien zu rekonstruieren.

Mit der Wiederherstellung der Karosserie betrauten wir einen vermeintlichen Spezialisten für Polyesterarbeiten mit Alpine Erfahrung in Passau. Dieser Kontakt entpuppte sich im Laufe der Jahre als höchst unseriös und inkompetent und offenbarte, dass er mit dieser Aufgabe völlig überfordert war. Nach unglaublichen 8 Jahren des vertrauensvollen Wartens nahmen wir die Arbeiten selbst in die Hand. Was dieser vermeintlich Fachmann in 8 Jahren nicht zu Wege brachte, erledigten wir bei alpineLAB in kurzer Zeit.

Restauration

blood, sweat & tears


Wenn man sich an die Recherche der Historie eines ehemaligen Wettbewerbsfahrzeuges macht, stößt man trotz modernster Kommunikationsmedien sehr schnell an seine Grenzen. Insbesondere dann, wenn das Fahrzeug in einem Land verweilte, dessen Sprache man nicht spricht, oder dessen Schriftzeichen man nicht in der Lage ist zu lesen.
So geschehen mit dieser speziellen Berlinette, welche Ende 1971 fertig gestellt in den heiligen Hallen von „Service Courses“ in Dieppe, ihren Weg nach Bulgarien fand. Obwohl wir dennoch, aller Widrigkeiten zum Trotz den Erstbesitzer und Käufer dieser Berlinette, Yancho Takov, nach langer Suche in Bulgarien ausfindig machen konnten, folgte der anfänglichen Freude die Ernüchterung auf dem Fuß.

Am Telefon zeigte sich Takov in gut verständlichem Englisch anfänglich leider sehr wortkarg und desinteressiert. Es gelang uns dennoch, einige wenige Informationen aus seinem Munde zu erhalten. Er führte aus, dass er irgendwann in 1971 zusammen mit Tchoubrikov die Werkshallen in Dieppe besuchte, wo unter anderem eine Zusammenkunft mit Jean Rédélé auf dem Programm stand. In der Fertigungshalle der Werkswagen erregte diese spezielle Berlinette seine Aufmerksamkeit, welche als eines der ersten Fahrzeuge bereits mit einem 1796ccm Motor präpariert von Bernard Dudot, als auch mit den breiten Gr.IV Kotflügeln vom Typ „ailes plates“ ausgerüstet war.
Takov führte in unserem Telefonat weiter aus, das Fahrzeug sei laut Aussage von Jean Rédélé speziell für Ove Andersson präpariert worden.

Ob diese Aussage von Takov der Wahrheit entspricht und wie es ihm gelang, diese Berlinette an gleicher Stelle zu erwerben, lässt sich nach solch langer Zeit nicht mehr verifizieren.

Fakt ist allerdings, dass sich hinter jedem Fahrzeug eine Menge von Geschichten und evtl. auch Legenden verbergen, die es gilt ans Licht zu bringen. Nicht immer rennt man offene Türen ein und trifft auf Interesse und Kooperationsbereitschaft der Vorbesitzer. So verkommt ein anfänglich reizvolles Unterfangen oftmals zu einer zeitaufwändigen und nervigen Sisyphusarbeit und mündet trotz aller Anstrengungen am Ende das eine oder andere mal in einem unbefriedigenden oder gar enttäuschenden Ergebnis. C’est la vie.

Apropos Sisyphusarbeit. Ein besseres Synonym für die Restaurationsarbeit an einer Berlinette dürfte schwer zu finden sein. Daher genug der Worte, die Fotocollage mag für sich sprechen und Ihre Geschichte wortlos an den Interessenten transferieren.


„Sisyphusarbeit“

Back On Track



Was länge währt, wird endlich gut

Eine langjährige und nervenaufreibende Wartezeit, als auch eine aufwändige und zeitintensive Restaurationsphase liegen hinter dieser geschichtsträchtigen A110 1800 Gr. IV. Im April 2014 war es dann endlich soweit und sie nahm erstmalig wieder Asphalt unter ihre Räder.

Als eine von lediglich zwei echten A110 1800 Gr. IV fand sie den Weg von Dieppe nach Bulgarien hinter den eisernen Vorhang und wieder zurück. Ihre lange und materialmordende Rallyehistorie, Misshandlungen und Metamorphosen, die Strapazen einer Vollrestauration, als auch die Langfinger welche sich an dieser Berlinette schadlos hielten, sind Teil ihrer Geschichte. Viele lange Jahre wurde sie kalt gestellt in den Katakomben eines unseriösen Restaurationsbetriebes und schien ob der dortigen Misshandlungen fast schon verloren.

Unsichtbar verschwunden scheinen all die Geschehnisse in Anbetracht ihres jetzigen Erscheinungsbildes.

„ALPINE A110 – für Kurven gemacht“

Der mit Vorsicht zu geniesende Geradeauslauf einer A110 ist geradezu berühmt-berüchtigt und trieb schon so manchem A110-Besitzer den kalten Schweiß auf die Stirn. Auf engen, kurvigen Landstraßen oder Alpenpässen ist Sie jedoch in Ihrem Element und bietet Fahrspaß pur. Schon beim ersten Rendevouz ist ihre Agilität und Wendigkeit spürbar und nicht umsonst ist ihr Name Programm. Abgeleitet von der Alpenrallye „Coupe des Alpes“ ist die ALPINE A110 wie „für Kurven gemacht“.

Nehmen Sie Platz – so Sie können

Zugegeben – nicht jedem wird das Privileg zu teil, eine Berlinette fahren zu dürfen, bzw. zu können. Schon alleine die schiere Körpergröße selektiert den Kreis der Auserwählten, ist selbiger mit Körpergröße jenseits der 190cm äußerst überschaubar - von Beschränkungen der Schuhgröße erst gar nicht zu reden. Die Sitze lassen nur begrenzten Spielraum an Verstellmöglichkeit nach hinten, wird diese durch den im Fond befindlichen Kraftstofftank merklich eingeschränkt. Idealgewicht in Relation zum Körpergewicht scheint zudem eine erstrebenswerte Kombination, um sich am Volant einer Berlinette wohl zu fühlen. Hat man seinen Platz gefunden, befinden sich alle Bedienelemente in unmittelbarer Reichweite - selbst dann, wenn man durch die starren CIBIE-Hosenträgergurte in den engen Sitzen zurückgehalten wird.






Farbenspiel

Colorierte Stoßstangen sowie Lufthutzen – in diesem Fall orange - waren typisch für die Werkswagen in den Jahren 1970-1972. In grün, gelb, rot, weiß und orange wurden diese Bauteile farblich abgesetzt, um die einzelnen Fahrzeuge im Rallyebetrieb einfacher unterscheiden zu können. Auch der spezielle und extrem flach bauende Rückfahrscheinwerfer entspricht der Originalkonfiguration und lediglich die in Campagnolo–Gold lackierten Monte Carlo Gotti`s, tragen die Handschrift des Restaurators.





Bilderbuch

A110 1800 Gr. IV Olympia Rallye 1972 im Detail

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